In der Presse: „Gäste aller Kulturen sind willkommen“

fnweb | Peter D. Wagner

Der Ramadan ist für die Muslime der Fastenmonat und eine besonders spirituelle und heilige Zeit. Eine besondere Rolle spielt dabei auch das Fastenbrechen.

LAUDA-KÖNIGSHOFEN. Der Ramadan ist für die Muslime der Fastenmonat und ein besonders spiritueller und heiliger Monat. Eine spezielle Rolle beim Fasten spielt das „Fastenbrechen“ nach Sonnenuntergang und bis zur Morgendämmerung. Die Fränkischen Nachrichten waren aus diesem Anlass bei der rund 200 Mitglieder zählenden Türkisch-Islamischen Gemeinde in Lauda zu Besuch, die in dem diesjährigen von 6. Juni bis 5. Juli dauernden Ramadan an den vier Wochenenden Freitag- und Samstagabend das Fastenbrechen („Iftar“) besonders groß mit jeweils mehreren hunderten Gästen gemeinsam feiern.
Es ist Samstagabend, kurz nach 21 Uhr – das Fastenbrechen und Abendgebet ist für 21.38 Uhr angesetzt. Es ist noch hell, beginnt jedoch zu dämmern. Die Pavillonzelte, die heuer zum ersten Mal auf einem Gelände gegenüber dem Gebäudeareal der Türkisch-Islamischen Gemeinde in der Bahnhofstraße in Lauda aufgebaut wurden, füllen sich zunehmend.

Es herrscht nicht nur in dem weiträumigen Hof und unter den Zelten immer mehr reges Treiben, sondern insbesondere auch in der Küche des dort liegenden Gebäudes. Wie auch am vorangegangenen Wochenende werden rund 500 Gäste und Besucher aus der ganzen Region erwartet, die es zudem alle gleichzeitig mit Speisen zu versorgen gilt. Denn es zählt unter anderem zu den Ritualen des Fastenbrechens in Gemeinschaft, dass alle Teilnehmer zum gleichen Zeitpunkt mit dem Essen beginnen.

Dies stellt bei einer solch großen Anzahl wie etwa an diesem Samstagabend eine große Herausforderung an die Logistik dar, die nicht nur eine gut koordinierte Organisation und Vorbereitung, sondern auch ein vielzähliges sowie ebenso gut koordiniertes Helferteam erfordert.

An diesem Termin sind es neben einem professionellen Koch rund 20 Köpfe, die das Essen an die vielen Bank- und Tischreihen bringen – innerhalb kurzer Zeit speziell mehrere Hundert Portionen Suppe sowie in vorgefertigten Portionsschalen ein Fleisch- und Reisgericht mit Salat. Traditionelle Datteln, die als „Heilige Früchte“ klassisch dazugehören, stehen ebenso wie Vorspeisen sowie Bakalava, ein ebenfalls traditionelles türkisches Süßgebäck, als Dessert bereits auf den Tischen bereit, zudem auch Wasserflaschen.
Um 21.38 begrüßt Murat Yildirim, Vorstand des Vereins „Türkisch-Islamische Gemeinde Lauda und Umgebung e. V.“, die etwa 500 Gäste verschiedener Herkunftsnationen wie etwa Türken, Deutsche, Syrer, Pakistaner und Afghanen, unter ihnen als besondere Ehrengäste an diesem Abend auch die beiden evangelischen Pfarrer Matthias Lenz aus Lauda und Günter Muesse aus Tauberbischofsheim sowie Bahri Dogan, Sozialpädagoge und Jugendberater des türkischen Generalkonsulats in Stuttgart.

Im Anschluss daran ruft Imam Ercan Üstün mit einem kurzen Gebet zur Eröffnung des Essens. Dieses dient ebenso wie der ganze Abend auch dem gesellschaftlichen Leben und Beisammensein, wie vor allem die angeregten und lebhaften Gespräche zeigen. Allerdings, viel Zeit dafür bleibt den Gästen jetzt beim Essen nicht.

Denn gleich nach dem Essen geht es nach kurzen Dankesworten nebst Dankgebet durch Dogan hinüber ins Türkisch-Islamische Gemeindezentrum zum gemeinsamen Abendgebet. Genauer gesagt in die Moschee, die sich im ersten Stock des Gebäudes befindet. Bevor der Teppich der nach oben führenden Treppe betreten wird, heißt es für alle jedoch noch „Schuhe ausziehen“, denn das Betreten des Moscheebereichs ist speziell auch aus Gründen der Sauberkeit und Hygiene weder mit Schuhen noch barfuß erwünscht.
Da Frauen von Männern bei den Gebetsstunden nicht beobachtet werden sollen, um die Konzentration nicht zu mindern, beten die Frauen gleichzeitig in einem getrennten Raum nebenan, wobei die Gebete des Imam per Mikrofon und Lautsprecher übertragen werden. Frauen sind aufgefordert, für das Gebet das Haar mit einer „Hidschab“ zu bedecken, für Männer ist eine Kopfbedeckung („Takke“) optional. Da Moscheen Orte der Besinnung und des Gebets sind, gelten ansonsten ähnliche Anstandsregeln wie beim Besuch von Kirchen, wobei zum Beispiel lautes Rufen oder Diskutieren verpönt ist.

Einige Zeit später, es ist bereits weit nach 23 Uhr, nachdem nochmals ein gemeinsames Nachtgebet stattfand, sitzen noch immer sehr viele Besucher, teilweise auch mit Kindern und Jugendlichen, in den angeschlossenen Räumlichkeiten, die Orte sowohl für gesellschaftliches Leben mit Gesprächen und Zusammenkünften als auch für Feiern und Veranstaltungen sowie Unterrichte sind.
„Wir sind alle Menschen, wenn auch verschiedener Nationalitäten und Herkunft“, hebt Dogan in einer kleinen Festansprache hervor. „Deutschland ist unsere Heimat, wir sind zufrieden, in diesem Land leben zu dürfen“, fügt er hinzu.

Dem stimmen bei anschließenden Gesprächen und beim Philosophieren bei traditionellem Tee und Gebäck im kleineren Kreis Murat Yildirim, der zweite Vorsitzende Önder Turan und Gemeindemitglied Anakiz Yamanoglu zu.

„Wir sind ein offenes Haus, in dem Gäste aller Nationalitäten und Kulturen jederzeit herzlich willkommen sind“, betonen die drei Gemeindevertreter. Dies solle ebenso dem Abbau von Vorurteilen dienen wie auch speziell der „Tag der offenen Moschee“, zu dem die Türkisch-Islamische Gemeinde seit vielen Jahren regelmäßig am 3. Oktober alle interessierten Bürger einlädt, erklären Yildirim, Turan und Yamanoglu.
Sehr erfreut zeigen sich dabei auch Lenz und Muesse über die Einladung der Türkisch-Islamischen Gemeinde in Lauda zu dem Fastenbrechen, Gebeten und Beisammensein zum gegenseitigen kennen lernen. Besonders beeindruckt zeigten sich die beiden evangelischen Pfarrer speziell von der hohen Teilnehmer- und Gästezahl an diesem Abend. „Vorurteile abbauen“ nannten auch sie als wesentliches Ziel gegenseitiger Begegnungen.

© Fränkische Nachrichten, Freitag, 24.06.2016

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